Paradigma Kollektivität

Die Forschungsstelle widmet sich der Erforschung menschlicher Kollektivität. Der tragende Begriff Kollektiv rückt von den soziologischen Begriffen Menge, Masse, Gruppe, Organisation, Assoziation, Gesellschaft, System, Netzwerk und Figuration ab, die kein systematisches Gefüge ergeben. Im Unterschied dazu legt das Paradigma Kollektivität, das kulturwissenschaftliche und soziologische Ansätze verbindet, ein abgestimmtes Begriffsinstrumentarium vor, welches das gesamte Feld des Sozialen zu umfassen versucht.

Am Anfang dieses Paradigmas steht die Unterscheidung von Basiskollektiv und Sozialkollektiv. Während das erstere Individuen über gemeinsame Merkmale gruppiert (z.B. Tennisspieler), entsteht das zweite durch einen willentlichen und verbindlichen Gründungsakt (z.B. Tennisclub). Auf dieser Unterscheidung aufbauend, wird eine Beschreibungsmatrix aus Kollektivarten, Kollektivformen, Kollektivelementen und Kollektivverknüpfungen entwickelt, die neue Sichtweisen auf alte Probleme anstößt.

Für die Problematik des Verhältnisses von Individuum und Kollektiv ergeben sich u.a. folgende Erkenntnisse:

  • Individuen gehen nicht in einem einzigen Kollektiv auf, sondern sind multikollektiv (s. z.B. Multikollektivität auf Wikipedia);
  • die Mitgliedschaft der Individuen in Kollektiven ist zwangsläufig partiell;
  • die Multikollektivität, also die verschiedenen Zugehörigkeiten werden latent in alle Kollektive, die man kontaktiert, sozusagen mit eingeschleppt, was Kollektivgrenzen generell durchlässig macht;
  • trotz dieser amorphen, in einander verschränkten Gegenständlichkeit lassen die unterschiedlichen Kollektivgebilde exakt fixierte Strukturen erkennen, die sich beispielsweise gruppendynamisch auswirken;

Auch die umfassenden Kollektivphänomene - was die Soziologie Gesellschaft, die Kulturwissenschaft Kultur und die Geschichtswissenschaft Nation nennt – erscheint in neuem Licht:

  • der größte Begriff der Kollektivwissenschaft ist der des Dachkollektivs;
  • es besteht aus einer polykollektiven Basis und einem Normen setzenden Überbau;
  • daher bildet es, was der beobachtbaren Wirklichkeit entspricht, einen Zwitter aus Heterogenität und Homogenität.

Literatur: